Zu Person und Werk

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Maler, Bildhauer, Drucker – tradierte Bezeichnungen mit konkreter Aussage zur Tätigkeit. Bezogen auf die handwerklichen Tätigkeiten vermitteln sie eine in sich stimmige Vorstellung. Ich bevorzuge diese Begriffe vor den, in unseren Tagen, inflationär gebrauchten Bezeichnungen „Der Künstler, das Künstlerische“ -. Diese sind weitgehend nichtssagend und inhaltsleer geworden. Möglicher Kompromiß: Der bildende Künstler.

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Die bildnerische Tätigkeit ist mir ein hohes Privileg. Sie ist eine lebensbegleitende Tätigkeit, die nahezu seismographisch mein Empfinden und mein Denken in den Arbeiten aufzeichnet. Sie,- die bildnerische Tätigkeit-, ist keine Produktion um der Produktion willen.

Sie resultiert aus meiner Auseinandersetzung, meinem Zugang zum Leben, zum Sein, zur Welt mit allen ihren sinnlich erfahrbaren Erscheinungen. Zufällig lese ich in einer frühen Rezension aus dem Jahr 1978: Deutlich spürbar ist das Selbst des Künstlers hinter den Bildern, durchdringend im Wortsinn und eigen in seiner Art. Ich bin erstaunt und fühle mich verstanden.

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TRANSITUS – Unterwegsein. Von einem Ausgangspunkt kommend, sich auf einen fernen Punkt, einen Endpunkt (?) zu bewegend. Unaufhörlich. Stetig. Und zurück. Alles fließt. Hen kai Pan. Unsere Zeiterfahrung ist wie unsere Realitätserfahrung überhaupt, zu einem guten Teil abhängig von Erstbegegnungen und grundlegenden Erfahrungen, wie sie aus der Kindheit resultieren. Ich kenne Tage auf der Schwäbischen Alb, die in ihrer Sonnenglut auf dem grellweißen Kalksteinschotter der Feldwege nicht enden wollten.

Ich kenne das tiefe Erschrecken über eine zukünftige Vision und die anschließende ungeheure Erleichterung über die unermessliche Ferne des prognostizierten Entsetzens. Ich spreche von Orson Welles Roman 1984, den ich in der Erstverfilmung wohl im Jahre 1958 oder 1959 gesehen habe; ich war gerade 9 oder 10 Jahre alt.

Man geht den Weg, den alle gehen. Den Tod ins Leben herein holen, der Endlichkeit bewusst werden, lässt dieses Leben unendlich wunderbar, kostbar werden. Der Kunsthistoriker Adolf Smitmans fixiert in seinem Katalogtext aus dem Jahr 2000 meine zentrale Aussage:

Vielleicht ist (es) die einzige Möglichkeit auf die Tatsache des Seins zu reagieren, indem man (ihr) etwas ähnlich Rätselhaftes gegenüberstellt.

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Bildnerisches Arbeiten beinhaltet zwei wesentliche Bereiche, die ich gedanklich und prozessual nach Möglichkeit zu trennen trachte, zumindest in der Anfangssituation, in der Art des Herangehens. Da ist einmal die inhaltliche Komponente. Zum Zweiten geht es um Form, Farbe, Komposition und Ordnungsstrukturen, – um Gestaltung und Umsetzung. Wesentlich ist das Wissen und die Erfahrung um diese Dinge. Um den Arbeitsprozeß. Das Beginnen. Das Ausharren. Die Ungeduld und die Geduld. Das Hinnehmen des Abschlußes. Wenn am Ende beide Aspekte zur Deckung gebracht werden konnten, würde ich von einem tragfähigen Ergebnis sprechen wollen.

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Die heutige Erscheinung unserer Welt ist in ihren Werken ausgeblendet, sie kommt nicht vor! So derVorhalt in einer Pressekritik. – Die heutige Erscheinung unserer Welt: Reizüberflutung, blindwütige Beschleunigung, unwirkliche Oberflächen, Banalitätenkonsum in der Endlosschleife, in 30 Sekunden die Welt erklären!? –

Die Erschöpfung der Welt ist weit vorangeschritten, notierte ich 2005. Im Jahr 1978 veröffentlichte der Club of Rome seine Analysen und Prognosen zum menschlichen Handeln auf unserem Planeten Erde. Heute sprechen wir vom Klimawandel, von der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Alle konnten es wissen!

Die Werkstatt, das Atelier mit vier Wänden zur Abgrenzung, um Ruhe zu schaffen, um Denken zu können, Konzentration zu finden. Dies war schon immer ein Art geschützter Raum im Auge des Wirbelsturms. Eine Art Auszeit um eine Gegenwelt zu entdecken: Statisch ausdauernd, überlegt und zielgerichtet, stark im Ausdruck, prägnant, wesentlich.

So verstanden wird nichts ausgeblendet. Es wird reagiert!

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Thema von Anders Norén